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Abschied

In diesem Jahr stirbt der Sommer einen langsamen Tod. Offenbar wasserscheu geworden, hatte er schon früh keine Lust, die Erde mit Regen zu tränken. Wir nahmen das zum großen Teil erfreut zur Kenntnis. Manche aber eher betrübt, denn die immerwährende Trockenheit und Hitze verbrannte das Gras, ließ die Ernte verschrumpeln und die Bäume verdursten. Bereits nach ein paar Wochen Sommerzeit lag die Welt in Gelb und Braun da. Ein früher Herbst? Nein! Ein Sommer, der sich selbst so heftig feiert, dass er zwar knülle ist, aber noch lange nicht am Ende.

Die Party geht weiter. Tagsüber wirft die Sonne ihr tiefliegendes Licht gleißend ins Auge, um uns aufdringlich an ihre Gegenwart zu erinnern. Kaum hat sie sich vom Himmel losgerissen, beglitzern zahllose Sterne die Nächte, die so unerwartet lau daherkommen, dass wir bis zur Sperrstunde im Biergarten verweilen. Arbeiten? Schlafen? Das will niemand. Nicht in diesem unsterblich erscheinenden Sommer.

Die Kalenderblätter fallen. Es wird Zeit für den Abschied. Der Herbst klopft an. Doch der Sommer bittet ihn nicht herein. Stattdessen hält er, ein wenig entkräftet, die Stellung. Will nicht gehen. Und bleibt. So beglückt er weiterhin die Sonnenanbeter und Biergartenbesucher. Aber ewig kann auch dieser Sommer nicht überleben. Denn nun schleicht sich heimlich – vorläufig nur für den Frühaufsteher erkennbar – der Herbst heran. Er weiß jetzt, wie er den Sommer besiegen kann; kennt seine Waffen! Nebel steigt auf – vom Fluss bis in die Höhen – und verhüllt den Sonnenaufgang. Die Temperaturen lassen frösteln. Und wenn die Sonne am späten Nachmittag durch den Dunst schimmert, fallen die Schatten schon sehr lang. Wind pustet um die Häuser und zupft das trockene Laub von den Bäumen. Nur langsam erkennt dieser Sommer seine späte Niederlage an und überlässt Herbst und Winter die Herrschaft.

Die Temperaturen lassen frösteln. Und wenn die Sonne am späten Nachmittag durch den Dunst schimmert, fallen die Schatten schon sehr lang. Wind pustet um die Häuser und zupft das trockene Laub von den Bäumen. Nur langsam erkennt dieser Sommer seine späte Niederlage an und überlässt Herbst und Winter die Herrschaft.

Franziska Lachnit (2018)

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Alles im Blick

Einmal in der Woche treffen sich Mutter und Tochter zum späten Frühstück im Café an der Ecke. Von ihrem Stammplatz am Fenster blicken sie auf Straße, Gehwege und einige Geschäfte. Sie schlürfen Milchkaffee und stopfen Törtchen in sich hinein. Währenddessen glotzen sie durch die Scheibe und beobachten das Geschehen. Sporadisch und unvermittelt unterbrechen sie ihr Dauergespräch durch Kommentare: „Sieh mal, unser Nachbar! Der geht auch schon wieder Kaffee trinken.“ Oder: „Die Verkäuferinnen da drüben müssen sich ja langweilen!“ – Jeder Passant wird kritisch beäugt. Wer skurril auffällt oder ein Bekannter ist, verdient eine Bemerkung. Manch einer bekommt sogar eine Geschichte angedichtet.

Mutter und Tochter registrieren sofort, wenn jemand – unwissend der Beobachtung – zweimal oder öfter an ihnen vorüber schlendert oder eilt: „Der hat wohl was vergessen!“ – „Schon wieder zurück?“ Autofahrer, die an der Ampel stoppen müssen, würden sicher nicht in der Nase popeln oder mit verzerrter Visage winzige Essensreste aus den Zähnen puhlen, wenn sie wüssten, dass zwei Augenpaare peinlich genau auf ihnen ruhen. Es würde sich wohl auch kaum einer trauen, noch schnell bei Rot über die Kreuzung zu preschen. „Mann, der hätte die Omi beinahe voll erwischt!“ Die war nämlich gerade noch mit Hilfe ihres Rollators gemächlich und ein paar Meter neben dem Fußgängerüberweg über die Kreuzung geschlurft. „Glück gehabt!“

Die Mittagszeit schleicht heran. Die Kaffeetassen sind leer, die Kuchenteller auch. Den beiden neugierigen Damen geht langsam der Gesprächsstoff aus, und sie beschließen, den Heimweg anzutreten. Nächste Woche kommen sie aber mit absoluter Zuverlässigkeit wieder! Und für Daheim nehmen sie noch ein paar von den verführerischen Puddingteilchen sowie den zuckrigen Rosinenschneckchen mit. Lecker!

Franziska Lachnit (2018)

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Montagskaffee

Montags in der City. Bekanntlich eine ruhige Angelegenheit. Und doch darf man sich in unserem Städtchen immer wieder für Überraschungen bereithalten. Ich schlenderte also neulich an einem Montag ohne konkrete Intentionen mit einer Freundin durch Bad Honnef. Mein letztes Montags-City-Erlebnis hatte meine Erwartungshaltung deutlich entspannt. Aber zum Glück nahmen wir einen Umweg nach Hause, denn dabei kamen wir an einem äußerst einladenden Ambiente vorbei: Ein Tischchen mit Kaffeetassen darauf, ein paar Sessel darum herum. Ein Schild lehnt an der Säule: PAUSE. „Och jo!“ Eine Pause hätten wir jetzt tatsächlich gerne und treten in das Ladenlokal hinter dem netten Kaffeehaustischchen…

Wow! Tolles Ambiente! Beeindruckende Wohnaccessoires! Einfach einladend schön! Und ebenso werden wir begrüßt: Was darf ich für Sie tun? (Oh ha! Sie könnten mein Haus neu einrichten! Mir zeigen, wie man guten Geschmack hat und diesen umsetzt!) – Ich hätte gerne eine Pause und einen Kaffee dazu! – Sehr gerne! Suchen Sie sich einen gemütlichen Platz aus und ich bringe Ihnen den Kaffee … Mit Milch & Zucker? – Nur mit Milch, bitte. Meine Freundin wünscht Wasser. Alle Wünsche erfüllten sich. Wie im Märchen! Toll! Davon hätte ich gerne mehr …

Und tatsächlich: Wie gewünscht, so erfüllt: Entspannt saßen meine Freundin und ich gemütlich auf unserem Altfrauen-Popo, schlürften die dargebotenen Getränke und tratschten stundenlang mit dem Hausherren über … die Stadt, die Geschäfte, die Feste, die schönen und die schönsten Seiten des Lebens. Nebenbei saugte ich immer wieder die stilvolle Atmosphäre auf. Könnte ich sie bis nach Hause retten? Ja! Aber nur in meiner Fantasie. Schade, denn für mehr müsste ich mich wohl in eine Prinzessin verwandeln und den herzblütigen König erobern. Das ist dann aber doch zu viel Märchen für mich! So kehre ich einfach nur verträumt ins stillose, aber dennoch gemütliche Heim zurück.

Franziska Lachnit (2018)

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Über den Dächern

Ausgebrochen aus der Zange zwischen Grundschulgebäude und KASCH-Bunker einerseits sowie dem Tatütataa vom Roten Kreuz und dem Blablabla der Studenten andererseits, fühle ich mich nun befreit. Und das, obwohl sich in Selhof die Häuser unübersichtlich ineinander schmiegen und die engen Straßen beinahe ein wildes Labyrinth bilden.

Traditionelle Fachwerkhäuser winden sich ums Eck und die schmalen Gassen fügen sich dem Verlauf der Häuserzeilen. Jeder, der hier zum ersten Mal entlang geht, muss sich zwangsläufig verirren. Und niemand, der hier nur zufällig entlang spaziert, kann erahnen, welche Schätze in diesem Ortsteil verborgen sind. Zwar unternimmt man in der City mal spontan einen kurzen oder längeren Ausflug zum nächst gelegenen Lokal. Und beinahe alle Lokale sind dort nächstgelegen!

In Selhof bleibt man lieber zu Hause. Es ist also ein bisschen abgelegen, aber so schön hier! Durch die geöffneten Fenster und über die Dachterrasse dringen fröhliche Kinder-Rufe: „Opa, komm‘ mal!“ – „Mama, darf ich zu den Kaninchen?“ – „Ich möchte Schoko-Kekse!“ – Und wenn ich einen Blick aus dem Fenster werfe oder auf der Terrasse stehe und lausche, erlebe ich, wie wohltuend lebendig meine Nachbarschaft ist.

Nachts ist es ebenso wohltuend, nämlich still. So still, dass ich endlich wieder schlafen kann! Wenn ich – egal zu welcher Tageszeit – auf der Terrasse sitze und über die Dächer schaue, sehe ich ALLES: Den blauen oder grauen Himmel, den mit weißen Wolken gesprenkelten Himmel oder den tieft schwarzen und sternklaren Himmel. Ich blicke ihm mit weit aufgerissenen Augen entgegen.

Und immer sind da die unzähligen Dächer mit zahlreichen Satellitenschüsseln sowie ein paar altertümlichen Antennen. Dort verbirgt sich Gemütlichkeit und Gemeinschaft. Und immer ist da auch der freie Blick in die Ferne … auf die Sieben Berge und die Phantasie von dem, was dahinter kommt …

Franziska Lachnit (2019)

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September – Wunderbare Zeit!

Während der April als frühjährlicher Bruder vom September oft sehr grob daher kommt, so begegnet uns der neunte Monat des Jahres meist recht sanft. Überfällt uns der April gelegentlich noch mit Schneeschauern und Hagelknallerei, so nimmt uns der September freundlich an die Hand, um zu einem gemeinsamen Spaziergang einzuladen.

Im Rückblick auf die Wochen, die nun unmittelbar hinter uns liegen, ist jetzt das Licht bei weitem nicht mehr so angriffslustig. Die Sommer-Sonne sandte ihre brutal blendenden Strahlen aus und verbrannte Wald und Wiese. Inzwischen hat sich das Licht beruhigt und wickelt uns wohltuend in orangefarbene Mullbinden. Endlich schlägt einem die Temperatur nicht mehr rechts und links Ohrfeigen ins Gesicht, sondern ummantelt angenehm den ganzen Körper.

Saftig lockt die Ernte zuletzt gereifter Früchte, die von der Hand in den Mund am besten zu genießen ist. Doch auch der September kann andere Saiten aufziehen: Dann legt sich der Wind kräftig ins Zeug. Rüttelt und schüttelt die Bäume mitsamt dem bleichen Laub, klatscht die Fahne an ihren schwankenden Mast und hinterlässt Regentropfenspuren an den frisch geputzten Fensterscheiben.

Eine Ahnung von Herbst und dem, was danach kommt, überschattet langsam das Land … Aber immer noch scheint uns dieser September liebevoll zu streicheln: Er ist die Ruhe vor dem großen Sturm; Sanftmut vor Unbarmherzigkeit; das letzte Licht vor der unendlichen Dunkelheit. So fühlt es sich an.

Der September ist wie ein Sterbebegleiter, der uns den Abschied vom heißblütigen Sommer erleichtern kann und der uns die Furcht vor der Winterstarre nimmt. So ist der September. Mein guter Freund!

Franziska Lachnit (2019)

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